Roundtable: Welche Mechanismen schaffen Verbundenheit?
Am 19. Januar kamen im Hause der Diakonie Deutschland in Berlin, auf Einladung des Büros für Außenbeziehungen der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland, Akteure aus Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Ehrenamt zusammen, um eine der drängendsten Fragen unserer Zeit im Kontext der zunehmenden Einsamkeit zu erörtern: Welche Mechanismen schaffen echte Verbundenheit? In einer vertrauensvollen Atmosphäre des offenen Erfahrungs- und Perspektivenaustauschs wurden Themen wie Gemeinschaftsbildung, gesellschaftliche Beziehungen und die Bedeutung von Werten diskutiert.
Formen von Verbundenheit
Im Gespräch kam die Frage auf, was konstruktive und destruktive Formen von Gemeinschaft und Verbundenheit charakterisiert. Deutlich wurde, dass nicht jede Art von Gemeinschaft automatisch gut ist und manche Formen sogar gefährlich sind. Destruktive Gemeinschaften stützen ihren inneren Zusammenhalt auf Abgrenzung, Druck, Überforderung oder „Wir‑gegen‑die“-Narrative und schließen Menschen durch hohe Hürden der Mitwirkung oder starre Zugehörigkeitsnormen aus. Konstruktive Gemeinschaften hingegen können zwar ebenfalls Geborgenheit und auch geschützte, exklusive Räume bieten, bleiben aber zugleich nach außen hin offen: Sie werten andere nicht ab, bauen Brücken zu unterschiedlichen Lebensrealitäten und verstehen sich als Teil der gesamten Gesellschaft.
Zwischen Individualismus und Kollektivismus
Ein zentraler Gegenstand der Diskussion war das Spannungsfeld zwischen Individuum, Gemeinschaft und Institutionen. Deutlich wurde, dass weder ein ungebremster Individualismus noch ein erdrückender Kollektivismus tragfähige Antworten auf die Frage nach gesunder Verbundenheit bieten: Es skizzierte sich ein Verständnis von Verbundenheit, in dem einerseits individuelle Autonomie geachtet und andererseits gemeinsame Ziele in konkretem Handeln erprobt werden. Zugleich wurde deutlich, dass solche Formen von Verbundenheit nicht von oben verordnet werden können: Sie müssen an der Basis der Gesellschaft, auf lokaler Ebene oder im Alltag der Menschen wachsen – dort, wo Begegnung tatsächlich stattfindet und Menschen aus sich selbst heraus Verantwortung für ihr Miteinander übernehmen.
Die Rolle von Institutionen
Institutionen und gesellschaftliche Strukturen spielen in diesem Spannungsfeld eine essentielle Rolle. So wichtig der Aufbau von Zusammenhalt an der Basis ist, kann dies nicht effektiv ohne nötige Strukturen und Rahmenbedingungen gelingen. Institutionen schaffen die nötigen Voraussetzungen durch Maßnahmen, die Teilhabe ermöglichen, sowie durch öffentliche Orte und Formate, die niedrigschwellige Begegnungen fördern. Gleichzeitig bündeln Sie Lernerfahrungen und Wissen, das aufbereitet und geteilt werden.
Was Räume gemeinschaftsstiftend macht
Darüber hinaus wurde untersucht, unter welchen Bedingungen Räume und Angebote tatsächlich gemeinschaftsstiftend wirken können. Anerkannt wurde, dass es für die Überwindung von Einsamkeit nicht ausreicht, nur einen Raum zu öffnen. Es braucht Menschen, die echtes Interesse am Gegenüber haben, frei von paternalistischen Einstellungen und Erwartungen – also eine Atmosphäre, in der Menschen bereit sind, zuzuhören, auf andere zuzugehen und diese dazu ermutigen, sich mit ihren jeweiligen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu beteiligen. Ebenso wichtig sind Sicherheit und Vertrauen – Bedingungen, unter denen etwa Scham (z.B. über die eigene Einsamkeit) überwunden werden kann. Zugleich wurde anerkannt, dass einige Angebote für viele chronisch einsame Menschen noch zu voraussetzungsreich sind und es ergänzend zugehender Formen der Ansprache und Begleitung bedarf. An Beispielen wie Nachbarschaftszentren, Museen oder Bibliotheken wurde illustriert, wie Institutionen Räume so öffnen und gestalten können, dass Menschen nicht nur Besuchende, sondern aktive Mitgestaltende werden.
Gemeinsame Werte durch gemeinsames Handeln
Das bloße Sprechen über Werte bleibt oft abstrakt. Eine zentrale Erkenntnis des Gesprächs war, dass Werte dort am nachhaltigsten erfahrbar werden, wo Menschen gemeinsam konkrete Herausforderungen im Alltag angehen – sei es in der Nachbarschaft, im Stadtteil oder im Dorf. Besonders starke Verbindungen entstehen dort, wo Menschen eine Vision teilen und diese im Tun verfolgen. Das gemeinsame Handeln erweist sich somit als Schlüssel zur Klärung gemeinsamer Werte: Arbeiten Menschen unterschiedlicher Hintergründe an einem Projekt, rücken theoretische Differenzen in den Hintergrund. Im Tun offenbart sich das Verbindende; Werte werden nicht lediglich deklariert, sondern lebendig.
Ausblick
Das Gespräch verdeutlichte, dass Einsamkeit als Querschnittsthema alle Facetten unserer Gesellschaft berührt – und dass es deshalb die dauerhafte Entwicklung kollektiver Fähigkeiten zur Gemeinschaftsbildung und die Beteiligung unterschiedlichster Akteure braucht. Das Büro für Außenbeziehungen versteht diesen Roundtable als Auftakt einer Reihe von Roundtables, die in den nationalen Diskurs über Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Einsamkeit eingebettet sind. Organisationen, Akteure der Zivilgesellschaft und Institutionen, die an dieser Gesprächsreihe teilnehmen möchten, sind herzlich eingeladen, das Büro für Außenbeziehungen der Bahá'í-Gemeinde in Deutschland über bfa@bahai.de zu kontaktieren.