Die Ridván-Zeit und Social Distancing — Die Bahá'í-Gemeinde feiert ihr höchstes Fest aus der Ferne

Die Zeit zwischen dem 20. April und 1. Mai ist für die weltweite Bahá'í-Gemeinde eine sehr besondere Zeit. Sie wird als „Ridván"-Zeit bezeichnet und stellt die höchsten Feiertage des Glaubens dar. Die Gläubigen gedenken während dieser 12 Tage der Zeit, in der Bahá'u'lláh, der Stifter der Bahá'í-Religion, erstmals öffentlich Seine Sendung als Manifestation Gottes für dieses Zeitalter verkündete. Dies geschah im Jahr 1863 in einem Garten namens „Ridván" in Bagdad, eine Zwischenstation auf Seinem Verbannungsweg. Besonders gefeiert werden der erste, neunte sowie zwölfte Tag. Auch werden in dieser Zeit weltweit die lokalen und nationalen Geistigen Räte gewählt.

Finden normalerweise überall auf der Welt zur Ridván-Zeit große Feiern in den Gemeinden statt, stehen die Bahá'í in diesem Jahr wie alle Religionen vor der Herausforderung des „Social Distancing", der Maßnahmen zur Distanzhaltung aufgrund der Corona-Pandemie.

Die Wahlen der lokalen Geistigen Räte und auch des Nationalen Geistigen Rates erfolgten aus diesem Grund per Briefwahl. Anstelle von großen Festen finden in den meisten Gemeinden Online-Zusammenkünfte statt, denn trotz der notwendigen physischen Distanz sollen die Feiertage gemeinsam begangen werden. Die 12-tägige Ridván Zeit wurde daher rasch den aktuellen behördlichen Verordnungen angepasst und mit viel Kreativität laden die Gemeinden zu gemeinsamen Andachten, Geschichtennachmittagen oder Bastelaktionen für die Kinder ein -- alles im virtuellen Raum.

Die ein oder andere „Offline-Aktion" gibt es aber trotzdem. So wurden beispielsweise in Halle an der Saale und auch in Leipzig Rosen mit kleinen Grußkarten an die einzelnen Gemeindemitglieder verteilt, unter Beachtung der geltenden Vorschriften.

Auch die höchste Körperschaft der Bahá'í, das Universale Haus der Gerechtigkeit, geht in seiner diesjährigen Ridván-Botschaft auf die weltweite Gesundheitskrise ein. So ist die Rede von „zwei zutage tretende[n] Realitäten", von denen die eine das „weltweit wachsende Bewusstsein für die drohenden und entsetzlichen Gefahren" sei, die von der Pandemie ausgingen. Die zweite Realität hingegen sei die sichtbar werdende „Widerstandfähigkeit und ungebrochene Vitalität der Bahá'í-Welt" angesichts der nie gesehenen Herausforderungen. Sie schließt mit dem Aufruf an die weltweite Gemeinde, „aus den Vorräten der Hoffnung, des Glaubens und der Großmut" zu schöpfen, und das Wohlergehen anderer über eigene Bedürfnisse zu stellen, damit „diejenigen, die in Not sind, geistig genährt werden können".

Auch wenn das gewohnte Muster von Aktivitäten der Gemeinde durch die Corona Virus-Pandemie unterbrochen wird, so haben es die diversen Online-Plattformen ermöglicht, in diesen sorgenvollen Zeiten als Gemeinde miteinander in Kontakt und im Gespräch zu bleiben, aber auch gemeinsam zu überlegen, welchen Beitrag man in seinem Umfeld leisten kann. Voneinander lernen, gemeinsam beten, füreinander Dasein, miteinander feiern -- manchmal mit Einzelnen, in Gruppen oder Gemeinden, die man ohne diese Pandemie nie kennengelernt hätte. Dadurch entstehen kleine Dienstprojekte, wie gemeinsam beten für diejenigen, die gesundheitlich oder existentiell Not leiden, Kinder lesen älteren Menschen vor, Jugendliche überlegen gemeinsam, wie sie in der Nachbarschaft helfen können oder lernen voneinander, wie man für die Nachbarn Mundschutze nähen kann.

Hier sind einige kreative Ideen, von Bahá'í aus verschiedenen Gemeinden weltweit, die das Ridván-Fest auf ihre eigene, einzigartige --und natürlich sichere -- Weise feiern:

Ridván-Andacht am Haus der Andacht für Europa:

In den vergangenen Jahren veranstaltete die Bahá'í-Gemeinde am Haus der Andacht für Europa in Hofheim-Langenhain besondere Andachtstreffen für diese Heiligen Tage. In diesem Jahr bietet das Haus der Andacht aufgrund der außergewöhnlichen Situation eine neue Art des Feierns um das Haus der Andacht herum und lädt heute, dem 9. Tag der Ridván-Zeit, zu einer virtuellen Andacht. Sie kann ab 15:00 Uhr unter diesem Link besucht werden.

Auch am 12. Tag der Ridván-Zeit, also am 1. Mai kann eine Andacht ab 15:00 Uhr unter diesem Link abgerufen werden.

Bäume pflanzen

Eine Gemeinde schuf einen gemeinsamen Kalender, in dem jeder zu einem bestimmten Zeitpunkt Bäume in einem örtlichen Park pflanzen würde.

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Kekse verschenken und Blumen ausliefern

Eine Familie ließ von einer örtlichen Bäckerei Kekse backen und verschenkte sie — mit dem entsprechenden Abstand — an die Kinder ihres Kindergartens.

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Eine andere Familie schnitt Blumen aus ihrem Garten, um sie an ihre Nachbarn zu verschenken.

Verbindung schaffen über soziale Medien

Bahá'í-Gemeinden auf der ganzen Welt haben sich dazu entschlossen, Social-Media-Accounts zu erstellen, die den 12 Ridván-Tagen gewidmet sind. Zum Gedenken an das Fest und um Menschen zusammenzubringen, tauschen sie Geschichten, schöne Grafiken, Lieder, Fotos, Gedichte und Bastelvideo-Tutorials aus.

Bastelaktionen

Eine Mutter und ihr Kind stellten Papierblumen, geschmückt mit Zitaten aus den Bahá'í-Schriften her und schickten diese an Familie und Freunde.

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Einige Kinder bastelten schöne Poster mit der Aufschrift "Liebe & Freude" und klebten sie an die Türen ihrer Nachbarn. Sie wollten etwas tun, das "Gottes Liebe" in ihre Häuser bringt.

Geschichtenerzählen und Hörbücher

Verschiedene Gemeinden kommen im Videochat zusammen und tauschen sich gegenseitig Geschichten aus über die Zeit und die Bedeutung dieser 12 Tage, in der Bahá'u'lláh, sich im Ridván-Garten aufhielt.

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Eine Bahá'í-Kinderklasse nahm sich ein besonderes Projekt für die Ridván-Feiertage vor: Die Leiterin der Kinderklasse regte dazu an, dass die Kinder mit ihren Eltern in ihren Wohnzimmern ein Zelt aufbauen und es mit Rosen und Kissen schmücken könnten. Es soll an die 12 Tage erinnern, an denen sich Bahá'u'lláh gemeinsam mit seiner Familie sowie zahlreichen Besuchern in Zelten, umgeben von zahllosen Rosen, im Ridván-Garten befand. Die Kinderklassenleiterin rief alle Kinder per Videoanruf an und las ihnen die Geschichte von Bahá'u'lláh vor, während sie alle zu Hause in ihren Zelten saßen.

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Junge Erwachsene sprechen zur Zeit Hörbücher für Kinder ein, die nach und nach hochgeladen werden. So können sich Kinder, die zuhause bleiben müssen, zunächst die Geschichte „Faris Traum", anhören, bei der es in einem Kapitel um die Begebenheiten im Ridván-Garten geht. Weitere Geschichten folgen.